Die Langstrasse im Umbruch: Zwischen Sündenmeile, Gentrifizierung und fragmentiertem Bodenbesitz
Geschichte und Wandel: Vom Arbeiterquartier zur «Sündenmeile»
Die Geschichte der Langstrasse ist eng verknüpft mit der Entwicklung des Stadtteils Aussersihl, der 1787 eine eigenständige Gemeinde wurde und erst 1893 zu einem Quartier der Stadt Zürich gehörte. Die Eröffnung der «Spanisch-Brötli-Bahn» im Jahr 1847 teilte das Gebiet und machte die Langstrasse zur Lebensader zwischen den beiden Hälften. Während der Industrialisierung siedelten sich hier zahlreiche italienische Bauarbeiter an, begleitet von einer wachsenden Infrastruktur aus Kneipen und Dancings.
In den 1970er Jahren veränderte sich das Bild grundlegend: Das Quartier entwickelte sich zu einem Rotlichtbezirk mit offenem Drogenhandel. Restriktive Gewerbegesetze, die Strip-Lokalen längere Öffnungszeiten erlaubten als normalen Bars, förderten diese Entwicklung. Dennoch blieb das Viertel ein kultureller Schmelztiegel – das 1928 eröffnete Volkshaus war beispielsweise ursprünglich als erstes alkoholfreies Volkshaus der Schweiz konzipiert, bevor 1979 das Alkoholverbot im Theatersaal aufgehoben wurde.
Das Langstrasse-PLUS-Projekt und die Aufwertung
Zwischen 2001 und 2011 führte die Stadt das Projekt «Langstrasse PLUS» durch, das die öffentliche Ordnung und Sicherheit verbessern sollte. Die Stadt kaufte «Rotlichtimmobilien» auf und lockte bewusst Bars, Restaurants und Boutiquen an. Die Bäckeranlage, früher ein Domizil von Wohnungslosen, wurde für Familien und Besucher zurückgewonnen. Diese Aufwertung fand auch im Kulturprogramm ihren Ausdruck: Das Langstrassenfest, das von 1996 bis 2010 alle zwei Jahre als «längste Festmeile der Schweiz» galt und bis zu 250'000 Besucher zählte, wurde jedoch 2010 eingestellt, nachdem die Organisatoren aufgrund neuer Sicherheitsauflagen Rentabilitätsprobleme befürchteten.
Gentrifizierung und ihre Folgen
Die rapide Aufwertung des Quartiers hat einen tiefgreifenden Wandel der Geschäftsstruktur zur Folge. Alteingesessene Läden verschwinden, während Fast-Food-Ketten und grosse Detailhändler expandieren. Ein besonders symbolträchtiges Beispiel ist der Schuhladen Peter & Vreni, der seine Fläche verkleinern musste, weil die Miete zu hoch wurde – direkt nebenan zog eine Migros-Take-Away-Filiale ein. Quartierbewohner beklagen eine zunehmende «Fressmeile» mit unbelebten Ketten und fehlendem Einzelhandelsmix.
Verkehrsregime und Nutzungskonflikte
Seit kurzem gilt auf einem 60 Meter langen Abschnitt der Langstrasse tagsüber ein Fahrverbot für private Autos; nur Busse, Velos und Taxis dürfen passieren. Während Velofahrende die Entlastung vom Lärm begrüssen, empfinden Anwohner und Gewerbetreibende die Verkehrsverlagerung auf umliegende Strassen wie die Brauerstrasse als problematisch. Die Massnahme soll den Durchgangsverkehr reduzieren, führt aber zu Staus in den schmalen Quartierstrassen.
Bodenbesitz als Entwicklungsfaktor
Die Besitzstrukturen an der Langstrasse sind äusserst fragmentiert, was die Stadtentwicklung massgeblich prägt. Auf den 107 bebauten Parzellen verteilen sich ganze 87 verschiedene Eigentümer. Diese Kleinteiligkeit resultiert aus historischen Erbfolgen, bei denen Grundstücke bei Vererbung unter mehrere Kinder aufgeteilt wurden – entstanden sind sogenannte «Hosenträger-Parzellen», die schmal von der Strasse wegführen.
Lange Zeit bremste diese Struktur die Gentrifizierung, da grossflächige Aufkäufe für Renditeprojekte schwierig waren. Doch die Bodenpreise haben sich seit 1991 verdreifacht; der aktuelle Median liegt bei 31'500 Franken pro Quadratmeter. Der Gesamtwert aller Langstrassen-Grundstücke wird auf rund 1,4 Milliarden Franken geschätzt.
Wem gehört die Strasse?
Die öffentliche Hand – die Stadt Zürich und ihre Stiftung PWG – besitzt mit knapp 8'400 Quadratmetern die grösste Fläche, gefolgt von der Genossenschaft Kalkbreite mit der Siedlung Zollhaus. Unter den privaten Grossbesitzerinnen befinden sich die Credit Suisse Funds AG, der Migros Genossenschafts Bund und die AXA Leben AG. Die Häuser sind laut Niggi Scherr, langjähriger Geschäftsführer des Mieterverbands, oft in den Händen von Erbengemeinschaften, die den Bezug zum Quartier verloren haben und primär Rendite erzielen wollen. Dies erschwert die Schaffung von günstigem Wohnraum, da die Stadt nur Rahmenbedingungen setzen, aber keine direkte Kontrolle über private Liegenschaften ausüben kann.
Kultur zwischen Tradition und Avantgarde
Trotz der Veränderungen bleibt die Langstrasse ein wichtiger Kulturstandort. Der Club Zukunft etablierte sich als «Home of Good Music» und zieht Musikbegeisterte aus der ganzen Schweiz an. Das Kunsthaus Aussersihl mit seinem Programm «fontein» bietet Kunsträume für lokale und internationale Positionen. Das 25hours Hotel am Bahnhof verfolgt seit 2017 das «Artist in Hotel Residence»-Programm, kuratiert von Esther Eppstein, das internationalen Künstlern Studios und Wohnraum zur Verfügung stellt.
Neue kulinarische und kreative Szene
In der Nähe der Langstrasse, rund um Nietengasse und Dienerstrasse, hat sich ein kleines Gourmetparadies entwickelt. Der Feinkostladen Lagotto zwischen «Gamper Restaurant» und «Gamper Bar» bietet spanische Delikatessen, Tessiner Polenta und hochwertige Saucen. Diese Entwicklung zeigt, wie das Quartier zunehmend auch als Standort für gehobene Gastronomie und Spezialitätengeschäfte entdeckt wird – ein Kontrast zum Bild der «Fressmeile», aber ebenso Teil der Aufwertung, die ältere Strukturen verdrängt.
Das Architekturforum Zürich thematisierte in der Ausstellung «Langstrasse verlängern» die drohende Homogenisierung und fragte nach dem Verlust des «Unangepassten» und «Heimlichen». Die Stadtplanung steht vor der Herausforderung, die Lebendigkeit des Quartiers zu bewahren, während steigende Bodenpreise und veränderte Besitzstrukturen eine zunehmend einheitliche Nutzung begünstigen.